Warum fällt es mir so schwer, freundlich mit mir selbst zu sein?

Veröffentlicht am 11. Juni 2026 um 17:57

Wie Selbstkritik entsteht und warum Fehler oft mehr berühren als die Situation selbst

„Wie bekomme ich mehr Selbstmitgefühl?“

„Warum mache ich mich nach Fehlern immer so fertig?“

„Warum bin ich mein eigener größter Kritiker?“

Das sind Fragen, die viele Menschen beschäftigen. Vielleicht kennst du das auch:

Du machst einen Fehler. Du verletzt jemanden. Du triffst eine Entscheidung, die sich im Nachhinein nicht richtig anfühlt. Oder du bekommst Kritik von einem anderen Menschen.

Und plötzlich geht es nicht mehr nur um die Situation. Etwas in dir beginnt zu sagen:

Wie konntest du nur?

Du hättest es besser wissen müssen.

Mit dir stimmt einfach etwas nicht.

Manchmal verbringen Menschen Tage, Wochen oder sogar Monate damit, sich für einen einzigen Fehler zu verurteilen.

Nicht, weil sie verantwortungslos wären. Sondern weil sie Verantwortung und Selbstverurteilung miteinander verwechseln.

Dabei sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Selbstmitgefühl bedeutet nicht, dass dir alles egal ist

Wenn ich mit Menschen über Selbstmitgefühl spreche, höre ich häufig einen Einwand:

„Aber wenn ich freundlich mit mir bin, dann rede ich mein Verhalten doch schön.“

Das ist ein verständlicher Gedanke.

Doch Selbstmitgefühl bedeutet nicht, Verantwortung abzulehnen.

Es bedeutet nicht, Fehler zu leugnen.

Und es bedeutet auch nicht, sich selbst einzureden, dass alles perfekt war.

Selbstmitgefühl bedeutet vielmehr:

Ich kann anerkennen, dass ich einen Fehler gemacht habe, ohne daraus abzuleiten, dass ich ein schlechter Mensch bin.

Das klingt einfach. Für viele Menschen ist genau das jedoch unglaublich schwierig.

Denn sobald etwas schiefläuft, entsteht nicht nur Scham über das eigene Verhalten.

Sondern das Gefühl:

Ich bin falsch.

Ich bin nicht gut genug.

Mit mir stimmt etwas nicht.

Warum wir oft so streng mit uns selbst sind

Aus Sicht der körper- und beziehungsorientierten Traumatherapie entsteht Selbstkritik selten aus dem Nichts.

Sie entwickelt sich oft sehr früh.

Ein Kind ist vollständig auf seine Bezugspersonen angewiesen.

Wenn es immer wieder erlebt, dass etwas nicht stimmt, steht es vor einem inneren Dilemma.

Zu erkennen: "Meine Eltern können mir nicht das geben, was ich brauche." wäre für ein Kind kaum auszuhalten.

Denn es würde bedeuten, dass genau die Menschen, von denen sein Überleben abhängt, nicht zuverlässig für es da sein können.

Deshalb wählen Kinder oft einen anderen Weg.

Unbewusst entsteht die Überzeugung:

Mit mir stimmt etwas nicht.

Ich muss mich ändern.

Ich muss besser werden.

Dann werde ich geliebt.

Das ist keine bewusste Entscheidung. Es ist ein Versuch, Sicherheit und Verbundenheit aufrechtzuerhalten.

Viele dieser frühen Überzeugungen begleiten uns bis ins Erwachsenenalter.

Dann sitzen wir als Erwachsene vor einer Situation und reagieren auf einen Fehler nicht nur mit Enttäuschung, sondern mit einem alten Gefühl von:

Ich genüge nicht.

Warum Fehler oft mehr berühren als die Situation selbst

Vielleicht kennst du das:

Du bekommst eine kritische Nachricht.

Du vergisst etwas Wichtiges.

Du streitest dich mit deinem Partner oder deiner Partnerin.

Objektiv betrachtet ist die Situation unangenehm.

Und trotzdem fühlt sich deine Reaktion viel größer an als das Ereignis selbst.

Plötzlich tauchen Gefühle auf wie:

  • Scham
  • Wertlosigkeit
  • Schuld
  • Angst vor Ablehnung
  • Angst, nicht mehr geliebt zu werden

Dann geht es längst nicht mehr nur um den aktuellen Fehler.

Die Situation berührt etwas Älteres, etwas, das schon lange in dir lebt.

Deshalb reagieren wir manchmal so heftig. Weil unser Nervensystem mehr wahrnimmt als nur den gegenwärtigen Moment.

Ein Gedanke, der vieles verändern kann

Stell dir vor, eine gute Freundin ruft dich an. Sie erzählt dir unter Tränen von einem Fehler, den sie gemacht hat.

Würdest du zu ihr sagen:

„Du bist wirklich ein schrecklicher Mensch.“

„Kein Wunder, dass niemand dich mag.“

„Du machst immer alles kaputt.“

Wahrscheinlich nicht.

Vermutlich würdest du zuerst verstehen wollen, was passiert ist.

Vielleicht würdest du sagen:

„Ja, das war nicht gut.“

„Ja, da gibt es etwas zu klären.“

„Aber deshalb bist du noch lange kein schlechter Mensch.“

Interessanterweise sprechen viele Menschen mit sich selbst auf eine Weise, wie sie niemals mit einem geliebten Menschen sprechen würden.

Vielleicht beginnt Selbstmitgefühl genau dort.

Nicht damit, sich selbst zu loben, sondern damit, sich selbst nicht länger zu beschimpfen.

🌿 Wenn du dir Unterstützung wünschst

Viele Menschen kommen zu mir, weil sie sich selbst ständig kritisieren, ihre Gefühle schwer annehmen können oder nach Fehlern lange in Scham und Selbstverurteilung festhängen.

In meiner Begleitung geht es nicht darum, diese Anteile wegzumachen.

Sondern zu verstehen, woher sie kommen und was sie eigentlich schützen wollen.

Wenn du das Gefühl hast, dass dieses Thema dich schon lange begleitet, kannst du hier ein unverbindliches Erstgespräch anfragen.

Wie Selbstmitgefühl entsteht

Selbstmitgefühl entsteht aus meiner Erfahrung nicht durch positives Denken allein.

Es entsteht durch Bewusstheit. Durch das Erkennen dessen, was gerade in uns passiert.

Der erste Schritt ist oft überraschend schlicht: Zu bemerken, wie wir eigentlich mit uns selbst sprechen.

Viele Menschen erleben hier einen Aha-Moment.

Sie würden niemals so mit einem anderen Menschen sprechen.

Mit sich selbst tun sie es jeden Tag.

Selbstmitgefühl beginnt häufig dort, wo wir diese innere Stimme wahrnehmen, ohne ihr sofort zu glauben.

Wo wir erkennen: Ah, da ist gerade wieder dieser Teil in mir, der mich beschimpft.

Und vielleicht entsteht dann ein kleiner Abstand. Genug Abstand, um eine andere Möglichkeit zu entdecken.

Was du tun kannst, wenn du dich gerade selbst verurteilst

1. Frage dich:

Habe ich einen Fehler gemacht?

Oder glaube ich gerade, ein Fehler zu sein?

Das klingt ähnlich.

Ist aber ein gewaltiger Unterschied.

2. Sprich mit dir wie mit einem Menschen, den du liebst

Stell dir vor, ein guter Freund oder eine gute Freundin würde dir genau dieselbe Geschichte erzählen.

Was würdest du sagen?

Und warum fällt es dir leichter, so mit anderen zu sprechen als mit dir selbst?

3. Nimm wahr, was der Schmerz eigentlich braucht

Manchmal hilft es, kurz innezuhalten.

Eine Hand auf dein Herz zu legen.

Dein Gesicht sanft zu berühren.

Deinen Arm zu halten.

Nicht als Technik, sondern als kleine Geste der Zuwendung.

Vielleicht spürst du dann: Hinter der Selbstkritik steckt oft Schmerz.

Und Schmerz braucht meist etwas anderes als weitere Kritik.

4. Erinnere dich daran, dass Fehler menschlich sind

Fehler gehören zum Menschsein.

Auch andere Menschen treffen schlechte Entscheidungen.

Auch andere verletzen manchmal Menschen, die sie lieben.

Auch andere bereuen Dinge.

Du bist mit dieser Erfahrung nicht allein.

5. Frage dich:

Was wäre jetzt der nächste hilfreiche Schritt?

Nicht: Wie kann ich mich noch mehr bestrafen?

Sondern:

Was kann ich jetzt lernen?

Was möchte ich anders machen?

Gibt es etwas, das ich klären oder wiedergutmachen möchte?

Das ist Verantwortung.

Und Verantwortung führt meist weiter als Selbstverurteilung.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Oft ist es nicht sofort möglich, gut über dich zu denken oder freundlicher mit dir selbst zu sein.

Doch ein erster Anfang ist, damit aufzuhören, dich selbst zu verurteilen.

Freundlicher mit dir selbst zu werden ist ein Weg

Die meisten Menschen werden nicht von heute auf morgen mitfühlend mit sich selbst. Vor allem dann nicht, wenn Selbstkritik sie schon viele Jahre begleitet.

Doch jeder Moment, in dem du bemerkst, wie du mit dir sprichst, ist bereits ein Schritt.

Jeder Moment, in dem du innehältst.

Jeder Moment, in dem du erkennst:

Ich habe einen Fehler gemacht.

statt

Ich bin ein Fehler.

Vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.

Nicht Perfektion.

Nicht Selbstoptimierung.

Sondern eine freundlichere Beziehung zu dir selbst.